Freitag, 19. Oktober 2018

Interview mit einen .... Rechtsmediziner


Copyright: H. Henkensiefken / Finepic.
 Die Berliner Charité – jeder kennt sie und dort waren schon viele berühmte Ärzte vertreten. Man nehme nur mal Emil Adolf von Behring, Paul Ehrlich und Robert Koch! Aber in der heutigen Zeit ist jemand anders dort sehr bekannt. Ein deutscher Rechtsmediziner und Professor. Dieser Mediziner hat seine eigene Fernsehsendung und auch Bücher stammen aus seiner Feder. Aber wer ist diese bekannte Persönlichkeit? Ihr ahnt es bestimmt schon. Michael Tsokos leitet seit 2007 das Institut für Rechtsmedizin der Charité und gleichzeitig das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Tsokos ist außerdem ärztlicher Leiter der Gewaltschutzambulanz der Charité sowie Autor von Sachbüchern. Ich würde gerne ein wenig hinter der Person schauen und hab daher Michael Tskokos gebeten, sich auf dem braunen Sofa gemütlich zu machen und mir ein paar Fragen zu beantworten. Vielen Dank!

  • Sie sind Rechtsmediziner und Professor an der Charité in Berlin. Und beschäftigen sich mit Verstorbenen. Wie kam es zu dem Beruf, diesen Werdegang.
    • Als Kind war ich an Archäologie und Moorleichen interessiert und bin mit meiner Mutter und Großmutter mit 8 – 9 Jahren in Schloss Gottorf, Schleswig-Holstein zu gefahren und habe da meine Nase immer an den Scheiben plattgedrückt. Außerdem fand ich Naturwissenschaften spannend. Ich habe dann das Tauchen für mich entdeckt und wollte Wasserarchäologe werden und bin dann irgendwann zur Medizin gekommen und auch ein parallel paar Semester Archäologie geht aber dann in Richtung Medizin. Bin da irgendwann nach dem ich erst Chirurg, Kardiologe Internist auf die Rechtsmedizin gekommen und das war dann so ein Aha-Erlebnis. Ich bin nicht irgendwann aufgewacht und dachte, jetzt wirst du Rechtsmediziner, sondern es war so eine Entwicklung. Und wenn ich dann zurückblicke, liegt es auch schon in der Kindheit begründet.
  • Warum gerade diese Richtung?
    • Siehe oben, das Interesse war da
  • Was war der Fall, der Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben ist, oder am längsten?
    • Schwer zu sagen, ist seit 25 Jahren Rechtsmediziner. Was ich nie vergessen werde, sind die Opfer des Tsunami. Da bin ich als erster Rechtsmediziner hingeflogen am.28.12.2004. Und stand wirklich als Rechtsmediziner aus einem europäischen Land vor 10.000 Leichen, die auf den Boden lagen, in Tempelanlagen, die der Sonne ausgesetzt waren und damit auch die beginnende Fäulnis. Das ist jetzt was ich in meinen Leben nicht vergessen werde, denn es ist so unwirklich. Wissen Sie, da fahren Menschen in Urlaub über Weihnachten sind glücklich und innerhalb von 10 min ist das ganze Leben nichts von den 300 tausend und 3-mal so viele denen angehören, völlig fernab. Das hat mir auch nochmal klar gemacht, wie wichtig nicht nur bei der Untersuchung von möglichen verbrechen sind, sondern auch bei der Identifizierung bei verstorben bei Massenkatastrophen und Terroranschlägen. Ich habe auch Opfer bei verschiedenen Terroranschlägen untersucht, z. B. bei Sultan Achmet Januar 2016, oder Dezember 2016 Breitmannplatz, wo es ja weniger um die strafrechtliche Würdigung ging, da ja war es klar um was es ging. Sondern nur um die Identifizierung.
    • Auf die Frage, ob es dann nicht ganz einfach ist, doch es ist ganz einfach. Es ist für mich tatsächlich einfach, weil ich Kriterien haben über dann Analyse, Zahn Status, Fingerabdrücke, Natürlich ist es nicht einfach die hochgradig Fäulnisveränderten Körper zu sehen, aber das macht mir nichts aus. Ob ich jetzt eine Wasserleiche, aus der Elbe seziert habe oder Spree oder ob es jetzt 100 0 sind, man Mensch und nicht die Dimension
  • Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
    • Der Tag fängt um 7.30 mit Frühbesprechung, mit meinen ganzen Ärzten, was ist am Tag vorher untersucht worden, wo Ergebnisse präsentiert werden, was ist in der Nacht passiert. Nachts arbeiten wir auch, ein 24 Stunden Bereitschaftsdienst, wo zwei Ärzte rund um die Uhr Bereitschaft haben. Das wird auch morgens besprochen. Dann wird gesprochen, was am Tag für Sektionen anliegen, Gerichtsverhandlungen, Vorträge. Das dauert eine Viertelstunde
    • Dann geht’s in den Sektionssaal, spätestens um 8 führen 10 – 12 14 Sektionen durch. Aber nicht nur Mordopfer, sondern auch natürliche Todesfälle, wo die erst Einschätzung nicht klar ist. So ist es jetzt wirklich ein Herzinfarkt oder ist derjenige vergiftet worden. Oder jemand wurde in der Öffentlichkeit gefunden. Da sind wir so bis 11 – 12 Uhr. Dann gehört zu unseren Arbeitsalltag auch Gerichtstermine als Sachverständiger. Natürlich müssen die Sektionsprotokolle- diktiert werden korrigiert werden, Es gibt Aktengutachten, es gibt Teilbesprechungen mit Polizei und den Toxikologen. Und dann habe ich als Chef von zwei Instituten und einer Gewaltschutzambulanz viele Mitarbeiter Termine. Der Tag ist gut strukturiert.
    • Ich versuche schon, um 19 Uhr daheim zu sein und mache fast keine Mittagspause. Muss aber oft noch abends daheim noch 10 Emails beantworten.
    • Buchmessen baue ich so ein, Ich habe bis mittags im Sektionssaal gestanden, bin dann in den Flieger gestiegen und hierher und habe mit Sebastian Fitzek in Mainz und Darmstadt die Abgeschnittenen Vorstellung eröffnet, dann Signierstunde, und nutze jetzt hier die Termine. Am Morgen geht s weiter mit Abgeschnitten im Kino Vorstellung. Morgen Mittag geht es weiter ganz normal im. Ist schon mal hart für die Familie, aber anders kennt meine Frau es nicht. Meine Frau ist da mit reingewachsen. Vor 11 Jahren habe ich dann mal gesagt, dass ich das Buch abgeschnitten schreiben wollte.
  • Was tun Sie, um von Ihrer Arbeit abzuschalten
    • Schreiben, bis letztes Jahr, 3-mal die Woche Taekwondo, wo ich den 2 Dan den zweiten schwarz Gurt besitze, das ist relativ weit oben. Aber seit einem Bandscheibenvorfall treibe ich kein Sport mehr und das tut mir gut.
    • Ich genieße die Zeit mit den Kindern, es ist echt entspannend, wenn wir zusammen Hausaufgaben machen, vorlesen, Herder BFC und diese Zeit nutze ich sehr intensiv. Wir verbringen aktiv die Zeit, wo wir z. B. in den Wald gehen oder klettern.
  • Wie reagieren die Menschen auf Sie, wenn Sie sich mit Ihrem Beruf vorstellen?
    • Fasziniert, bei einer Bevölkerung von 80 bis 83 Millionen und nur 250 ist die Möglichkeit einen mal persönlich kennenlernen, gleich 0 unterhalten
    • Rechtsmediziner. Das ist ja dann wie ein Lottogewinn. Und deswegen sind die Leute immer ganz fasziniert von den ganzen Geschichten. Und haben häufig auch von mir was gehört und gelesen oder. Und hinterfragen, dass dann und sind dann sehr fasziniert
  • Verfolgen Sie das Ende der Fälle?
    • Viele schließen am Sektionssaal ab, da liegt kein Verdacht auf Fremdeinwirkung an, es wird entweder als Suizide eingestuft oder als natürlicher Tod. Ja und gerade diese Fälle verfolge ich, gerade die populäre und Todesfälle von Kindern verfolge ich weiter. Einmal lese ich irgendwas in der Zeitung, spreche auch mit Kriminalbeamten, ob es da eine neue Entwicklung gibt und am Ende sitze ich auch irgendwann als Sachverständiger im Gerichtssaal und gib dazu mein Gutachten ab und lese dann ein paar Tage später von dem Urteil.
  • Suizides ist das was Sie oft verfolgt oder ist es mehr Mord und Totschlag?
    • Suizide gar nicht, wir haben jeden Tag 5 – 6 Suizide, der Fall ist am Tisch abgeschlossen. Geistlich verfolgt es mich auch nicht. Ich kann damit gut abschließen. Ich ab den Ausgleich mit meiner Familie und kann die so in meinem Unterbewusstsein in die Schublade packen, dass dies nicht für mich belastendes ist.
  • Wie schaffen Sie es, unvoreingenommen und neutral zu arbeiten?
    • Das muss man sein. Entweder man ist es oder nicht Man muss als Rechtsmediziner objektiv, neutral emotionslos und man ist aber immer noch ein Mensch und kein Holzklotz, man muss auch Empathie haben, es muss einen bewusst sein, hier ist nicht nur jemand gestorben, sondern der vielleicht sehr gelitten hat, sondern hier sind auch Angehörige, die wir auch hinterlassen, oder die zurückgelassen werden und jetzt damit klarkommen müssen. Wie ich schon beim Tsunami sage, mit dem Leben ohne die geliebte Person. Aber man muss das können. Ich glaube Psychiater können sie das nicht, das müssen sie so empathisch sein, meine Vermutung mitfühlen, sich so in den Täter hineinversetzen. Das darf man als Rechtsmediziner nicht. Man muss neutral sein, aber in alle Richtungen offen sein.
    • Nur weil z. B. ein totes Kind bei mir auf den Tisch liegt, heißt das nicht es kann auch sein, dass es an eine Krankheit starb automatisch, dass es getötet worden ist, Es kann auch sein, dass es an eine Krankheit starb. Das heißt, wir exulieren auch Leute, nehmen die Schuld von ihnen, z. B. das jemand nicht an dem Tod schuld ist und können so z. B. auch Eltern entlasten, und können ihnen Sicherheit geben. Nein auch wenn du eine Stunde vorher nach dem Kind geschaut hättest, es wäre schon Tod gewesen. Du musst dir keinen Vorwurf machen. Diese Neutralität ist drin oder nicht.
  • Welche Art von Menschen kann Ihnen noch Angst machen?
    • Angst macht mir immer noch Schütteltrauma taten kleinster Kinder.
    • Da ist ein hilfloses Kind bis von 1 Monat 1 Jahr. Die erschüttern mich nach wie vor mir die massivste Gewalt ausgesetzt sind, die machen mir Angst. Da ist es auch schwer für mich, emotionslos zu bleiben. Ich kann das, aber je älter ich werde, umso schwieriger ist es für mich
  • Wie kam es dazu, Bücher über Ihre Arbeit zu schreiben?
    • Zusammenfassung. Vor 12 Jahren Veits Etzold fachlich beraten und mit ihm angefreundet, du kannst so spannend Fälle beschreiben, du könntest mal ein Buch schreiben.
  • Und wie kam es zu der eigenen Sendung?
    • Ich bin seit 10 Jahren von mehreren Produktionsfirmen angesprochen worden. Wir wollen mal ihre Bücher verfilmen. Und war hellauf begeistert, machen wir, bis dahin hat es keiner geschafft, bis auf Spin TV einer Kölner Firma, die mich 2015 angesprochen hat und wo ich das erste Mal gemerkt habe, das sind Profis. Die haben tolle Drehbücher geschrieben, die haben sich ein tolles Set ausgedacht. Im Sektionssaal bei Dem Tod auf der Spur mit der ganzen Computertomografie, dem Hologramm und da war ich total begeistert. Und die machen auch das am Anfang zu Ende. Was vorher alle nicht geschafft haben. Und zwischen den Geschäftsführer und den Aktiv Produktiv eine sehr enge Freundschaft entwickelt. Mit denen habe ich auch eine Doku gemacht, die läuft jetzt auf Sat 1 am 11. Dezember nach dem Film zersetzt. Da läuft noch eine Doku zu einem echten Fall. (Bild wird hier eingefügt)
  • Unterschied Rechtsmedizinern mit Pathologen?
    • Zwei völlig unterschiedliche Fachärzte. Rechtsmediziner führt im Auftrag der Staatsanwaltschaft Untersuchungen von ungeklärten oder nicht natürlichen Todesfällen durch. Durch Sektionen. Macht auch toxikologische Untersuchungen und D N A Untersuchungen.
    • Ein Pathologe seziert nur in Ausnahmefällen, und zwar für die medizinische Qualitätskontrolle. Z. b. da stirbt jetzt jemand im Krankenhaus und die Ärzte wollen wissen, ob die Diagnose richtig war und die Therapie angeschlagen hat. Dann wird seziert, machen kleine toxikologischen untersuchen, keine D N A Untersuchungen. Der wesentliche Unterschied ist, wir – die Rechtsmediziner obduktionieren für die Staatsanwaltschaft, da können die Angehörigen nicht wieder sprechen, der Leichnam wird staatsanwaltschaftlich beschlagnahmt, die Sektion angeordnet
    • Bei pathologischer Sektion muss der Angehörige zustimmen, der nächste angehörige und deshalb ist da die Sektionsrate auch so ´sehr viel niedriger
  • Wann macht man den Y schnitt und wann den T Schnitt?
    • Es gibt viele verschiedene Schnitte, der U schnitt, der Y schnitt und der Schnitt. Theoretisch gibt es keinen Unterschied. Man macht dasselbe damit aber beide Schnittführungen macht man so, wie der Verstorbene aufgebahrt wird, damit man die Schnittführung nicht sieht. Man kann auch einfach einen geraden Längsschnitt machen, da muss man weniger zunähen.

Ein sehr interessanter Einblick in die Arbeit eines Rechtsmediziners. Ich hatte diesen "Lottogewinn" und durfte eine so bekannte Persönlichkeit kennenlernen. Und ich freue mich jetzt schon auf den 11. Dezember, wenn "Zersetzt" läuft. Gleich danach gibt es auch eine sehr interessante Doku mit Michael Tsokos. Sehenswert!


Bisher erschienen Bücher von Michael Tsokos


Sachbücher



Belletristik

  •  mit Sebastian Fitzek: Abgeschnitten. Thriller. Droemer Knaur, 2012, 
  •  978-3-426-19926-8.
  • mit Andreas Gößling: Zerschunden: True-Crime-Thriller. Droemer Knaur, 2015,  978-3-426-51789-5.
  •  mit Andreas Gößling: Zersetzt: True-Crime-Thriller. Droemer Knaur, 2016,  978-3-426-51877-9.
  • mit Andreas Gößling: Zerbrochen: True-Crime-Thriller. Droemer Knaur, 2017,  978-3-426-51970-7.