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Samstag, 3. März 2018

Interview mit einen .......Diplomkriminalisten

Ähnliches FotoWenn man an die Kriminalpolizei denkt, hat man vielleicht ein bestimmtes Bild vor Augen. Gut, das Fernsehen spielt dabei eine große Rolle. Aber oft ist dieser Beruf breit gefächert und weit verzweigt.  Laut Wikipedia ist es der Teil der Polizei, der sich mit Verfolgung von Straftaten und ihrer Verhütung beschäftigt. Und da ich als True Crime Fan mich dieses Thema interessiert, dachte ich, schaust mal hinter den Kulissen und stellt solchen Leuten mal ein paar Fragen. Anfangen durfte ich mit Dr. Manfred Lukaschewski, studierter Diplomkriminalist.
Herr Dr. Lusaschekwski, ich danke Ihnen für den Einblick hinter den Kulissen der Kriminalistik 😊





Was macht ein Diplom-Kriminalist?

Nun, der Diplom-Kriminalist ist das Ergebnis der akademischen Laufbahnausbildung für den gehobenen Dienst (so heißt das im Amtsdeutsch) bei der Kriminalpolizei. Es war eine Ausbildung an der Humboldt-Uni in Berlin, die leider 1994 eingestellt wurde. Seitdem gibt es in Deutschland, übrigens als einzigem Industrieland der Welt, keine akademische Ausbildung mehr, was auch bedeutet, dass es in Deutschland auf diesem Gebiet keine Forschung mehr gibt.
Diplom-Kriminalisten sind nach der Ausbildung Leiter wichtiger Dienststellen bzw. Kommissionen (ich war Leiter der Mordkommission), werden in Polizeischulen als Dozenten eingesetzt.

Was ist der Unterschied zwischen einem Kriminalisten und einem Kriminologen?

Bis auf den Wortstamm (crimen = lat.: Verbrechen) haben beide Wissenschaften nicht allzu viel gemein.
Die Kriminologie beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Ursachen, den gesellschaftlichen Auswirkungen und den gesellschaftlichen Umgängen mit allen Facetten der Kriminalität. Sie untersucht die Determinanten, die einen Närboden für Kriminalität bolden können und bereitet Vorschläge zur Eindämmung.
Sie ist ihrem Wesen nach eher eine soziologische Wissenschaft.
Die Kriminalistik befasst sich als Wissenschaft mit der Entwicklung von Mittel und Methoden zur beweiskräftigen Bekämpfung der Kriminalität. Sie stellt die Kausalität zwischen Tat, Schuld, Beweis, Sanktion her.
Wesentliche Teilgebiete sind dabei die Rechtswissenschaft (nulla crime sine lege = keine Straftat ohne Gesetz) und ganz wesentlich … alle Naturwissenschaften, auch im weiteren Sinne (Medizin, Psychologie, Psychiatrie)

Straftaten gegen Leben und Gesundheit?


Da gibt es eine ganze Reihe, einige werden von spezialisierten Kräften bearbeitet.
Ich zähle einfach mal einiges auf: (alle Paragrafen stammen aus dem Strafgestzbuch -StGB)
§ 211 (Mord), § 212 (Totschlag, § 222 (Fahrlässige Tötung), §221 (Aussetzung), § 224 (Gefährliche Körperverletzung), § 226 (Schwere Körperverletzung), § 227 (Körperverletzung mit Todesfolge).

Dazu kommen die Sexualstraftaten, Raub und räuberische Erpressung, teilweise mit Todesfolge, die aber gesondert bearbeitet werden.
Sollte ein Mord allerdings als Verdeckungstat z.B. einer Vergewaltigung begangen worden sein, ist die MK (Mordkommission) federführend zuständig.

Was war der Fall, der Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben ist?

In den vielen Jahren gibt es kaum etwas, was sich Krimiautoren nicht ausdenken können. Jede Tötungstat hat seine eigenen Spezifika und ich führe keine Klassifikationen. Natürlich bleiben die haften, die besondere Merkmale haben, sei es besonders hartnäckige Beschuldigte, sei es besonders brutale Vorgehensweisen oder wie in einem Fall, die Aufklärung eines Mordes nach 11 Jahren, und das in einer DNA freien Zeit, nämlich noch vor 1989 (erstmalige Anerkennung der DNA-Analyse als Beweismittel durch ein Gericht).




Müssen Sie sich mit dem Täter unterhalten? Macht Ihnen das Angst oder Unbehagen?

Immer, ich unterhalte mich immer mit dem Täter, nur ist das kein Small-Talk und eigentlich auch keine Unterhaltung. Beschuldigtenvernehmung trifft es deutlich besser. Diese Vernehmung gehört zur Beweisführung, klärt die Tatbeteiligung und ist eine notwendige Größe im Prozess der Wahrheitsfindung. Diese Vernehmungen können sich durchaus über viele Stunden, manchmal auch Tage hinziehen.
Angst oder Beklommenheit empfindet man dabai nicht … es ist meine Aufgabe, eine schwere Straftat aufzuklären und vornehmlich die Angehörigen des Opfers erwarten von mir, den Täter zu überführen.
Außerdem habe ich ja noch einen Vorteil … ich bin derjenige von uns, der die Tür von außen zuschließen lässt.
Natürlich gibt es Drohungen, etwa: „Wenn ich rauskomme, bist du der Nächste“, oder „Du wirst einen qualvollen Tod sterben“. Kommt vor, aber die Jahre im Gefängnis kühlen den hitzigen Geist meist ab.

Was tun Sie, um von ihrem Arbeitsalltag abzuschalten?

Meine aktive Zeit liegt ja bereits einige Jahre zurück, heute schreibe ich Fachbücher über die Wissenschaft -Kriminalistik-, damals … eigentlich nichts Besonderes. Die wenige Freizeit habe ich mit meiner Frau und meiner Tochter verbracht und zu Hause wurde sehr selten über meine Arbeit gesprochen. Wäre auch schwierig, denn es waren ja immer laufende Verfahren und da sind Offenbarungen tabu. Meine Frau hat natürlich gemerkt, wenn es besonderes gab und ich hatte neben meinem Bett auch immer Zettel und Bleistift liegen, um einen plötzlichen Einfall festzuhalten (meistens vergessene Fristen). Geträumt von Leichen in allen denkbaren Stadien habe ich selten und sie verfolgen mich auch heute nicht. Ich weiß, wie sich der Leichnam verhält und es ist die professionelle Sicht auf den Tod, die den notwendigen Abstand herstellt.
Ich muss als Ermittler nicht jeden Tod mitsterben, nicht jeden Mord mitmorden oder mit jedem Angehörigen mittrauern, das wäre zerstörerisch.

Gibt es positive Erlebnisse mit Tätern?

Positiv würde ich als charakterisierendes Prädikat nicht unbedingt verwenden. Es gibt vereinfachende Momente (wenn sich der potentielle Täter kooperativ verhält, nachdem er mit der Tat konfrontiert worden ist) und auch Momente, wo der potentielle Täter förmlich erleichtert ist, wenn er vorläufig festgenommen wird. Die moralische Last fällt dann von ihm ab und dies wirkt befreiend.
Wer diese Momente positiv benennen möchte … ich bin nicht dieser Ansicht. Niemand hat das Recht, über das Leben eines anderen Menschen zu verfügen, auch wenn es angesichts der Motivlage bisweilen sogar nachvollziehbar erscheint.

Wie reagieren Menschen, wenn Sie sich mit ihrem Beruf vorstellen?

Ich bin ja bereits im Ruhestand und stelle mich ja nicht als Kriminalrat i.R. vor. Wenn es dann doch bekannt wird (ich bin recht viel im Land mit Vorträgen unterwegs, bin in den sog. Socialmedias recht aktiv, habe eine Autorenseite, einige Bücher publiziert), überwiegend mit Neugierde, ist es doch ein Beruf, der in der Rangliste der Traumberufe nicht unbedingt an vorderster Stelle steht.
Es sind dann immer die gleichen Fragestellungen, mit denen ich konfrontiert werde.
Gibt es den perfekten Mord? (irgendwie hat wohl jeder diesbezüglich einen Kandidaten),
Haben Sie schon mal eine zerstückelte Leiche gesehen? (solche schlimmen Momente müssen faszinieren)
Leichen stinken,
Gibt es Leichengift?
Ich habe im Film gesehen, dass … ist das wirklich so?
usw.

Verfolgen Sie das Ende der Fälle?

Nein, in der Regel nicht, allein schon aus Zeitgründen ist dies nicht möglich. Aus diesem Grund kann ich die Frage nach der Zahl der von meiner MK aufgeklärten Morddelikte nicht beantworten, weil ich nicht weiß, ob das Gericht (nur das Gericht entscheidet, welche Straftat letztendlich begangen worden ist) die Tat als Mord gewürdigt hat.
Nur in bestimmte Ausnahmefällen (wenn ich z.B. als daktyloskopischer Sachverständiger aussagen musste) habe ich den Urteilsspruch mitbekommen, ansonsten ist die Zeitspanne von der Übergabe der Anklageschrift bis zur Eröffnung des Hauptverfahrens zu lang. Dazwischen liegen bereits wieder andere Delikte zur Bearbeitung vor.

Lehnen Sie Fälle ab?

Ich suche mir die Fälle nicht aus. Der Staatsanwalt ist immer der Leiter eines Ermittlungsverfahrens und die Kriminalpolizei arbeitet stellvertretend für den Staatsanwalt. Schon deswegen muss die Kripo von Amts wegen bei Vorliegen eines sog. Offizialdeliktes die Aufklärungsarbeit übernehmen. Eine Ausnahme bildet die Befangenheit. Sollte entweder das Opfer oder der mögliche Täter im engen Bekanntenkreis des Ermittlers zu finden sein, so wird in der Regel entschieden, die Bearbeitung des Falles einem anderen Kollegen zu übertragen.

Wie schaffen Sie es, unvoreingenommen und neutral zu sein?


Bin ich garnicht … zunächst habe ich die Aufgabe, alle belastenden, aber auch alle entlastenden Sachverhalte aufzuklären. In diesem Sinne sind alle Personen erst einmal unschuldig. Auf der anderen Seite sind alle Personen, die ein (wenn auch noch so kleines) Motiv haben, verdächtig. Wenn jemand sicher mit dem zu untersuchenden Sachverhalt nichts zu tun hat, verschwindet er aus meinem Fokus, alle anderen sind potentielle Täter.

Welche Art Menschen machen Ihnen Angst?

Angst ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung … Unverständnis, Unbehagen wären sicher die besseren Ausdrücke.
Es sind Menschen ohne Empathie, ohne Skrupel ohne Einsicht. Wenn jemand einen anderen Menschen nur deshalb tötet, um Spas an der Machtausübung zu haben, um sich an den Schmerzen des Opfers zu ergötzen, dann muss ich mich sehr beherrschen, um nicht selbst Unbedachtes zu tun.
In der Regel überwiegt im Umgang mit Tätern die Professionalität.

Wie kam es dazu, Bücher über ihre Arbeit zu schreiben?

Der eigentliche Antrieb war Wissenserhaltung. Die akademische Ausbildung in Deutschland wurde sinnigerweise 1994 eingestellt, damit geht unweigerlich Wissen verloren, schlimmer noch, es kommt kein neues Wissen (Forschung) hinzu. Im Zuge der Recherche zu meinen Büchern konnte ich in die Lehrinhalte der einzelnen Polizeifachschulen nehmen und musste mit Erschrecken feststellen, dass die kriminalistische Ausbildung derart schmalspurig betrieben wird, dass die Absolventen dieser Schulen nicht in die Lage versetzt, komplexe Ermittlungsvorgänge zu bewältigen.
Ein positiver Nebeneffekt ist die erfreuliche Tatsache, dass sich vor allem Autoren von Kriminalliteratur zunehmend darum bemühen, authentisch zu schreiben. Da bin ich als Ratgeber sehr willkommen.

Wieviele Bücher?

Am besten man verschafft sich selbst einen Überblick, und zwar hier:

Welche Fragen kann ich nicht mehr hören?

Oft werde ich gefragt, warum ich keinen Kriminalroman schreibe?
Die Antwort ist einfach und für den Fragesteller meist enttäuschend:
 Weil ich es nicht kann!


Vielen Dank Dr. Lukaschewski für das sehr interessante Interview und Ihrer damaligen Arbeit. 

Kommentare:

  1. Anja das ist ein total interessantes Interview! Echt klasse und ich bin beeindruckt :-D. lg Nadine von Nannis Welt

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    1. Liebe Nadine,
      ich auch.. weil ich mich getraut habe, Herr Lukaschewski anzuschreiben und ihm Fragen zu stellen.

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